Friday, October 16, 2026

Rezension "Solitaire" von Alice Osman


Manchmal liest man ein Buch, das einen nicht unbedingt glücklich zurücklässt, aber trotzdem etwas in einem hinterlässt. Solitaire war für mich genau so ein Buch.

Was ich an diesem Roman besonders mag, ist, dass Tori Spring keine Protagonistin ist, die man unbedingt sympathisch finden muss. Sie ist zynisch, distanziert und scheint sich für vieles, was andere Menschen beschäftigt, kaum zu interessieren. Gleichzeitig hatte ich nie das Gefühl, dass ihre Gedanken einfach nur dazu da sind, sie als schwierig oder unsympathisch darzustellen. Vielmehr zeigt Alice Oseman, wie es ist, wenn man sich von seiner Umgebung entfremdet fühlt und manchmal selbst nicht so genau weiß, was eigentlich mit einem los ist.

Ich mochte besonders, wie das Buch mit Einsamkeit umgeht. Nicht nur mit der offensichtlichen Einsamkeit, wenn man niemanden hat, sondern auch mit der, die man mitten unter anderen Menschen empfinden kann. Mit dem Gefühl, irgendwie daneben zu stehen, während alle anderen scheinbar mühelos mit dem Leben zurechtkommen. Gerade Toris Gedanken haben mich deshalb immer wieder zum Nachdenken gebracht.

Auch der Schreibstil hat mir gefallen. Er ist direkt, manchmal trocken und sarkastisch, ohne dass dabei alles seinen Ernst verliert. Der Humor lockert die Geschichte auf, macht die schwereren Themen aber nicht weniger bedeutend. Ich finde, genau diese Mischung macht Solitaire so besonders.

Natürlich ist das Buch nicht perfekt, und manche Entwicklungen wirken etwas überzeichnet. Trotzdem hat mich das beim Lesen weniger gestört, als ich erwartet hätte, weil ich mich so sehr für Tori und ihre Sicht auf die Welt interessiert habe. Ich wollte verstehen, was hinter ihrer Gleichgültigkeit steckt, auch wenn ich nicht jede ihrer Entscheidungen nachvollziehen konnte.

Was mir letztendlich am besten gefallen hat, ist, dass Solitaire nicht versucht, jede unangenehme Emotion in eine schöne Lektion zu verwandeln. Nicht alles wird plötzlich besser, nur weil man anfängt, sich selbst oder andere ein bisschen besser zu verstehen. Und manchmal ist es schon viel, wenn man überhaupt versucht, weiterzumachen.

Solitaire ist für mich deshalb mehr als nur eine Geschichte über eine Jugendliche, die sich von allen anderen unterscheidet. Es ist ein Buch über Entfremdung, über das Erwachsenwerden und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst in einer Welt zurechtzufinden, die ständig von einem erwartet, dass man irgendwie funktioniert. Ein Buch, das nicht unbedingt Trost spendet, aber einem das Gefühl geben kann, mit bestimmten Gedanken nicht ganz allein zu sein.

No comments:

Post a Comment

Die Farbe, die ich nicht sein wollte

irgendwann zwischen damals und heute habe ich aufgehört, pink zu mögen.  ich war der festen überzeugung, dass nur bestimmte mädchen pink moc...