Es gibt eine ziemlich einfache Methode, etwas unwichtig wirken zu lassen: Hauptsache, es gefällt vor allem den Leserinnen. Plötzlich wirken Bücher kitschig, Geschichten vorhersehbar und Gefühle peinlich. Was mal eine leidenschaftliche Leserin war, wird zur wilden Fangirl-Welle, aus Begeisterung wird Besessenheit, und ein Buch, das tausende Menschen bewegt hat, scheint plötzlich etwas, wofür man sich mit achtzehn eigentlich zu alt fühlt. Zumindest, wenn ernst genommen werden soll.
Man kennt das. Die Mädchen, die nachts wach bleiben, weil sie einfach noch ein Kapitel lesen müssen. Die sich in fiktive Figuren verlieben, über erfundene Schicksale weinen und Bücher mit Freundinnen besprechen, als wären die Figuren echte Menschen. Die Bücher mit rosa Covern kaufen, Liebesgeschichten verschlingen und sich von Geschichten mitreißen lassen, die das Gefühl geben, verstanden zu werden. Und dann kommt oft der belustigte Blick: „Das ist doch nur Young Adult“ oder die Frage, wann endlich mal etwas Richtiges gelesen wird.
Interessanterweise liegt das Problem oft weniger darin, was diese Leserinnen lesen, als vielmehr daran, dass sie die sind, die lesen. Klar gibt es auch schlechte Bücher: Liebesgeschichten, die klischeehaft wirken, Figuren, die vorhersehbar handeln, Handlungen, die sich nach wenigen Seiten abzeichnen. Nicht jedes Werk wird dadurch bedeutend, nur weil eine junge Leserin begeistert ist. Aber seit wann zählt Begeisterung eines überwiegend weiblichen Publikums als platte Argument gegen literarischen Wert?
Niemand muss jedes Buch mögen. Doch zwischen persönlichem Geschmack und gesellschaftlicher Abwertung klafft eine auffällige Lücke, die oft übersehen wird.
Romance wird belächelt, während Thriller oder Science-Fiction eher als ernst zu nehmende Bereiche gelten. Junge Frauen, die sich für ihre Lieblingsbücher stark machen, gelten schnell als oberflächlich oder unreif. Ihre Begeisterung wird oft zum Beweis dafür, dass die Geschichten, die sie lieben, nicht anspruchsvoll sind.
Dabei ist die Literaturgeschichte voll von Werken, die sich mit Liebe, Sehnsucht, Verlust und zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, sämtliche Literatur über menschliche Gefühle für belanglos zu erklären. Sobald diese Gefühle jedoch in einem glitzernden Cover verpackt, von einer jungen Frau gelesen und begeistert auf BookTok besprochen werden, scheint sich die Bewertung plötzlich zu verändern.
Das bedeutet nicht, dass jedes Buch für Mädchen automatisch feministisch ist oder dass jede Kritik an Popliteratur als Frauenfeindlichkeit abgetan werden muss. Selbst Geschichten, die sich ausdrücklich an junge Frauen richten, dürfen hinterfragt werden. Welche Rollenbilder werden gezeigt? Welche Vorstellungen von Liebe und Beziehungen werden verstärkt? Welche Erwartungen an Frauen werden bestätigt, welche infrage gestellt? Literatur prägt, wie die Welt gesehen wird, und da lohnt es sich, genau hinzusehen.
Aber Kritik setzt voraus, dass wir ein Werk ernst nehmen. Dass wir uns mit ihm beschäftigen, statt es aufgrund seiner Zielgruppe vorschnell abzuwerten. Dass wir zwischen einer berechtigten Auseinandersetzung mit problematischen Inhalten und der pauschalen Geringschätzung weiblicher Begeisterung unterscheiden.
Warum wird ausgerechnet ihre Begeisterung so oft zum Gegenstand des Spotts? Warum müssen Geschichten, die Frauen ansprechen, erst beweisen, dass sie mehr als Unterhaltung sind? Und warum scheint es manchmal, als wäre ein Buch erst dann wirklich bedeutsam, wenn man sich nicht zu sehr dafür begeistern darf?
Mädchen dürfen Bücher lieben, ohne sich zu rechtfertigen. Sie dürfen Geschichten lesen, die zum Nachdenken anregen, und solche, die einfach einen schönen Nachmittag schenken. Sie dürfen weinen, schwärmen, kritisieren und sich in Figuren wiederfinden. Sie dürfen anspruchsvolle Literatur lesen, und auch Geschichten, die andere für trivial halten.
Nicht jede dieser Geschichten wird ein Meisterwerk sein. Aber das war auch nie der Punkt.