Saturday, October 17, 2026

Die Farbe, die ich nicht sein wollte

irgendwann zwischen damals und heute habe ich aufgehört, pink zu mögen. 

ich war der festen überzeugung, dass nur bestimmte mädchen pink mochten - mädchen, zu denen ich nie gehören wollte. 

ich wollte nicht in eine schublade gesteckt werden. 

also trug ich alles-blau, schwarz, grün. nur kein pink. 

nicht, weil ich wie ein junge sein wollte. ich wollte nur beweisen, dass ich keines der pinken mädchen war. 

woran ich nie dachte, war die tatsache, dass mädchen, die pink nicht mochten, auch in eine schublade gesteckt wurden. 

was ich nie realisiert hatte: es ging nie um die farbe pink.

Die Sache mit den „Mädchenbüchern“

Es gibt eine ziemlich einfache Methode, etwas unwichtig wirken zu lassen: Hauptsache, es gefällt vor allem den Leserinnen. Plötzlich wirken Bücher kitschig, Geschichten vorhersehbar und Gefühle peinlich. Was mal eine leidenschaftliche Leserin war, wird zur wilden Fangirl-Welle, aus Begeisterung wird Besessenheit, und ein Buch, das tausende Menschen bewegt hat, scheint plötzlich etwas, wofür man sich mit achtzehn eigentlich zu alt fühlt. Zumindest, wenn ernst genommen werden soll.

Man kennt das. Die Mädchen, die nachts wach bleiben, weil sie einfach noch ein Kapitel lesen müssen. Die sich in fiktive Figuren verlieben, über erfundene Schicksale weinen und Bücher mit Freundinnen besprechen, als wären die Figuren echte Menschen. Die Bücher mit rosa Covern kaufen, Liebesgeschichten verschlingen und sich von Geschichten mitreißen lassen, die das Gefühl geben, verstanden zu werden. Und dann kommt oft der belustigte Blick: „Das ist doch nur Young Adult“ oder die Frage, wann endlich mal etwas Richtiges gelesen wird.

Interessanterweise liegt das Problem oft weniger darin, was diese Leserinnen lesen, als vielmehr daran, dass sie die sind, die lesen. Klar gibt es auch schlechte Bücher: Liebesgeschichten, die klischeehaft wirken, Figuren, die vorhersehbar handeln, Handlungen, die sich nach wenigen Seiten abzeichnen. Nicht jedes Werk wird dadurch bedeutend, nur weil eine junge Leserin begeistert ist. Aber seit wann zählt Begeisterung eines überwiegend weiblichen Publikums als platte Argument gegen literarischen Wert?

Niemand muss jedes Buch mögen. Doch zwischen persönlichem Geschmack und gesellschaftlicher Abwertung klafft eine auffällige Lücke, die oft übersehen wird.

Romance wird belächelt, während Thriller oder Science-Fiction eher als ernst zu nehmende Bereiche gelten. Junge Frauen, die sich für ihre Lieblingsbücher stark machen, gelten schnell als oberflächlich oder unreif. Ihre Begeisterung wird oft zum Beweis dafür, dass die Geschichten, die sie lieben, nicht anspruchsvoll sind.

Dabei ist die Literaturgeschichte voll von Werken, die sich mit Liebe, Sehnsucht, Verlust und zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, sämtliche Literatur über menschliche Gefühle für belanglos zu erklären. Sobald diese Gefühle jedoch in einem glitzernden Cover verpackt, von einer jungen Frau gelesen und begeistert auf BookTok besprochen werden, scheint sich die Bewertung plötzlich zu verändern.

Das bedeutet nicht, dass jedes Buch für Mädchen automatisch feministisch ist oder dass jede Kritik an Popliteratur als Frauenfeindlichkeit abgetan werden muss. Selbst Geschichten, die sich ausdrücklich an junge Frauen richten, dürfen hinterfragt werden. Welche Rollenbilder werden gezeigt? Welche Vorstellungen von Liebe und Beziehungen werden verstärkt? Welche Erwartungen an Frauen werden bestätigt, welche infrage gestellt? Literatur prägt, wie die Welt gesehen wird, und da lohnt es sich, genau hinzusehen.

Aber Kritik setzt voraus, dass wir ein Werk ernst nehmen. Dass wir uns mit ihm beschäftigen, statt es aufgrund seiner Zielgruppe vorschnell abzuwerten. Dass wir zwischen einer berechtigten Auseinandersetzung mit problematischen Inhalten und der pauschalen Geringschätzung weiblicher Begeisterung unterscheiden.

Warum wird ausgerechnet ihre Begeisterung so oft zum Gegenstand des Spotts? Warum müssen Geschichten, die Frauen ansprechen, erst beweisen, dass sie mehr als Unterhaltung sind? Und warum scheint es manchmal, als wäre ein Buch erst dann wirklich bedeutsam, wenn man sich nicht zu sehr dafür begeistern darf?

Mädchen dürfen Bücher lieben, ohne sich zu rechtfertigen. Sie dürfen Geschichten lesen, die zum Nachdenken anregen, und solche, die einfach einen schönen Nachmittag schenken. Sie dürfen weinen, schwärmen, kritisieren und sich in Figuren wiederfinden. Sie dürfen anspruchsvolle Literatur lesen, und auch Geschichten, die andere für trivial halten.

Nicht jede dieser Geschichten wird ein Meisterwerk sein. Aber das war auch nie der Punkt.

Friday, October 16, 2026

Besser, schöner, anders? Die "Not like other girls"-Trope & warum sie mehr schadet als nützt

 Man kennt sie. Man war vielleicht selbst mal eine. Oder wurde dazu gemacht. Das Mädchen, das "nicht wie die anderen" ist. Sie liest Bücher, während "die anderen" sich schminken. Sie interessiert sich für Videospiele, während "die anderen" Selfies posten. Sie trägt Sneakers, wo "die anderen" High Heels tragen. Und natürlich ist sie "besonders", weil sie sich gegen die Masse abgrenzt.

Was auf den ersten Blick wie ein Kompliment wirkt ("Du bist nicht so oberflächlich wie die anderen Mädchen!"), ist in Wahrheit ein ziemlicher Verrat, und zwar nicht nur an andere Frauen, sondern auch an sich selbst.

Die "Not like other girls"-Trope verkauft uns die Lüge, dass Wert nur im Vergleich entsteht. Dass man nur dann liebenswert, intelligent oder cool sein kann, wenn man andere Mädchen dafür abwertet. Statt Vielfalt zu feiern, wird die Konkurrenz um Anerkennung angeheizt, eine künstliche Hierarchie aufgemacht, in der niemand wirklich gewinnt - außer vielleicht diejenigen, die von dieser Spaltung profitieren.

Am Ende läuft es immer wieder auf dasselbe hinaus: Weiblichkeit wird abgewertet. Entweder bist du "das kluge Mädchen, das anders ist", oder du bist Teil der anonymen, belächelten Masse. Und egal wie, du bist nie gut genug.

Und das eigentlich Absurde ist doch, dass das überhaupt kein Widerspruch ist. Ein Mädchen kann Bücher lieben, sich schminken, Videospiele mögen und High Heels tragen. Politik spannend finden und trotzdem gerne Selfies posten. Wir bestehen aus vielen Facetten, und man muss nicht eine einzige wählen, um interessant zu wirken. Trotzdem lernen viele früh, dass manche Interessen mehr zählen als andere, und dass Anerkennung oft kommt, wenn man sich von vermeintlich „falschen“ Frauen abhebt.

Die Trope klappt genau deshalb so gut, weil sie nicht wie Frauenfeindlichkeit wirkt. Sie kommt vor wie eine Auszeichnung. Endlich sieht jemand, dass etwas Besonderes da ist. Endlich landet man nicht in derselben Schublade wie die anderen Mädchen. Doch das Kompliment hat seinen Preis: Es verlangt, dass die eigene Überlegenheit rückt, damit etwas Wertvolles entsteht. Und irgendwann wählt man vielleicht die eigenen Interessen danach, wie sie andere unterscheiden, statt danach, was einem tatsächlich gefällt.

Natürlich läuft nichts falsch, wenn anders sein einfach passt. Ärgerlich wird’s erst, wenn Anderssein zur Voraussetzung wird, um Anerkennung zu kriegen. Wenn dafür ständig Distanz zu anderen Frauen nötig ist, um klug, echt oder begehrenswert zu wirken, dann ist das keine Befreiung von Erwartungen. Es ist nur eine andere Art, ihnen zu entsprechen. Eine ablehnende Haltung gegenüber bestimmten Vorstellungen von Weiblichkeit wird damit nur durch eine andere Messlatte ersetzt.

Vielleicht lohnt es sich, zu stoppen und aufzuhören, Mädchen dafür zu loben, dass sie anders sind. Nicht, weil Individualität egal wäre, sondern weil sie keinen Wert hat, sobald dabei andere abgewertet werden. Man muss nicht denselben Weg gehen, dieselben Leidenschaften teilen oder jeden verstehen. Aber aufhören, Unterschiede zu Rangfolgen zu machen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Denn ein Mädchen sollte nicht erst dann besonders sein, wenn man alle anderen Mädchen kleiner macht.

Rezension "Solitaire" von Alice Osman


Manchmal liest man ein Buch, das einen nicht unbedingt glücklich zurücklässt, aber trotzdem etwas in einem hinterlässt. Solitaire war für mich genau so ein Buch.

Was ich an diesem Roman besonders mag, ist, dass Tori Spring keine Protagonistin ist, die man unbedingt sympathisch finden muss. Sie ist zynisch, distanziert und scheint sich für vieles, was andere Menschen beschäftigt, kaum zu interessieren. Gleichzeitig hatte ich nie das Gefühl, dass ihre Gedanken einfach nur dazu da sind, sie als schwierig oder unsympathisch darzustellen. Vielmehr zeigt Alice Oseman, wie es ist, wenn man sich von seiner Umgebung entfremdet fühlt und manchmal selbst nicht so genau weiß, was eigentlich mit einem los ist.

Ich mochte besonders, wie das Buch mit Einsamkeit umgeht. Nicht nur mit der offensichtlichen Einsamkeit, wenn man niemanden hat, sondern auch mit der, die man mitten unter anderen Menschen empfinden kann. Mit dem Gefühl, irgendwie daneben zu stehen, während alle anderen scheinbar mühelos mit dem Leben zurechtkommen. Gerade Toris Gedanken haben mich deshalb immer wieder zum Nachdenken gebracht.

Auch der Schreibstil hat mir gefallen. Er ist direkt, manchmal trocken und sarkastisch, ohne dass dabei alles seinen Ernst verliert. Der Humor lockert die Geschichte auf, macht die schwereren Themen aber nicht weniger bedeutend. Ich finde, genau diese Mischung macht Solitaire so besonders.

Natürlich ist das Buch nicht perfekt, und manche Entwicklungen wirken etwas überzeichnet. Trotzdem hat mich das beim Lesen weniger gestört, als ich erwartet hätte, weil ich mich so sehr für Tori und ihre Sicht auf die Welt interessiert habe. Ich wollte verstehen, was hinter ihrer Gleichgültigkeit steckt, auch wenn ich nicht jede ihrer Entscheidungen nachvollziehen konnte.

Was mir letztendlich am besten gefallen hat, ist, dass Solitaire nicht versucht, jede unangenehme Emotion in eine schöne Lektion zu verwandeln. Nicht alles wird plötzlich besser, nur weil man anfängt, sich selbst oder andere ein bisschen besser zu verstehen. Und manchmal ist es schon viel, wenn man überhaupt versucht, weiterzumachen.

Solitaire ist für mich deshalb mehr als nur eine Geschichte über eine Jugendliche, die sich von allen anderen unterscheidet. Es ist ein Buch über Entfremdung, über das Erwachsenwerden und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst in einer Welt zurechtzufinden, die ständig von einem erwartet, dass man irgendwie funktioniert. Ein Buch, das nicht unbedingt Trost spendet, aber einem das Gefühl geben kann, mit bestimmten Gedanken nicht ganz allein zu sein.

Die Farbe, die ich nicht sein wollte

irgendwann zwischen damals und heute habe ich aufgehört, pink zu mögen.  ich war der festen überzeugung, dass nur bestimmte mädchen pink moc...